Dr. Carlo Velten, Analyst der Experton Group, zur Bedeutung von Smart Metering und Smart Grid.
Große Wachstumschancen
Das Ausrollen flächendeckender intelligenter Energiezähler in Haushalten und Unternehmen sowie der Aufbau von intelligenten Stromnetzen bringen allen Marktteilnehmern einen Nutzen. Smart Metering und Smart Grid machen die Stromversorgung effizienter, verringern die Kosten für die Verbraucher und schaffen Wachstumschancen in mehreren Branchen.
Für ICT-Dienstleister entsteht unbestritten ein großer neuer Markt. Die Energiebranche braucht mehr Transparenz, um die Stromerzeugung und -verteilung wirtschaftlicher managen zu können. Doch die vorhandenen Stromnetze erfüllen bisher ausschließlich die Funktion, Energie zu verteilen. Informationen darüber, wie viel Strom ein Haushalt oder eine Region aktuell verbraucht, haben die Energieversorgungsunternehmen nicht. Dazu kommt, dass der steigende Anteil dezentraler Erzeuger das Management der Stromnetze erschwert. Es fehlen jedoch Echtzeitdaten, die zeigen, wann wie viel Strom Windkraft- und Fotovoltaikanlagen in die Netze speisen.
Investitionen in Intelligenz
Für die Energiebranche besteht demnach ein hoher Erneuerungs- und Ausrüstungsbedarf, um die Produktion und die Stromnetze auf die veränderte Situation einzustellen. Die notwendigen Investitionen beinhalten zu einem großen Anteil ICT-Technologien und Services, die die Intelligenz in die Netze bringen. Für diesen Kapitaleinsatz verfügen die Energieversorger über ausreichend finanzielles Potenzial, da sie in den vergangenen Jahren wenig Geld in ihre Netze gesteckt haben. Zudem zahlen Kunden die Investitionen durch neue Services teilweise mit. Es ist also absehbar, dass die notwendige Infrastruktur für Smart Grid und Smart Metering sukzessive ausgebaut wird.
Noch geht die Energiebranche in Deutschland etwas verhalten mit dem Thema Smart Metering und Grids um. Dabei zeigen Modellrechnungen, dass sich Prozesskosten verbessern. Es müsste zum Beispiel niemand mehr zum Ablesen raus und zudem lässt sich die Kundenbindung verbessern. Ein Blick in andere europäische Länder offenbart, dass deren Ausstattung mit Smart Metern besser ist, obwohl die Gesetzgebung – da europäisch – ähnlich wie in Deutschland aussieht. Es gibt dort allerdings mehr Anreizstrukturen, etwas zu verändern.
Auch die Stromerzeugung wird effizienter und passt sich stärker dem neuen Energiemix an. Mit den regenerativen Energien ist es nicht mehr so einfach die Produktion in den zentralen Kraftwerken dem Bedarf anzupassen. Wird zuviel Strom produziert, muss er unter den Erzeugungskosten am freien Markt wieder abgegeben werden. Smart Grids wären dagegen in der Lage, die Stromerzeugung in den Kraftwerken genauer dem tatsächlichen Bedarf anzupassen.
Strom sparen leicht gemacht
Schließlich profitieren die Haushalte von intelligenten Zählern und Netzen. Smart Meter machen Verbrauchsprofile transparent und verändern das eigene Verhalten. So lassen sich Stromfresser leichter identifizieren. Wer schwarz auf weiß sehen kann, was die veraltete Kühltruhe im Keller tatsächlich kostet, wird eher bereit sein, sich davon zu trennen.
Verschiedene Studien gehen von einem Einsparpotenzial von rund zehn Prozent aus. Dies scheint auf den ersten Blick viel zu sein. Bedenkt man aber, dass eine vierköpfige Familie etwa 90 Euro Stromkosten pro Monat hat, ist der absolute Spareffekt bei den derzeitigen Strompreisen noch zu gering. Die Zahlungsbereitschaft für solche Services liegt dann bei maximal acht Euro pro Monat – eher noch ein Stück darunter. Das Thema Energiekosten ist deshalb im Bewusstsein der Verbraucher noch nicht so stark verankert, es gibt noch keinen Pull-Markt. Der Erfolg hängt also auch ein Stück weit von der Entwicklung der Energiepreise ab.
Der größte Gewinner von Smart Metering und Smart Grid ist am Ende auf jeden Fall die Umwelt: Die Verbraucher gehen bewusster mit Energie um, die Versorger verbessern ihre Produktionsprozesse und der Anteil erneuerbarer Energien steigt.